Pyrenäen: Anreise GR 10

15.08.26 Ich sitze nahe meinem Gate 39 am Hamburg Airport auf der unbequemen Bank neben den Toiletten. Irgendwie scheint dem Management des Flughafens der Name Helmut Schmidt nicht werbewirksam genug zu sein. Ich schwitze in meiner Funktionswäsche. Die Wage zeigt 96,3 kg. Mein Hemd spannt. Mit knapp 90 kg habe ich den Appalachen Weg vor einem Jahr beendet. Meine Waden waren damals gefühlt dicker als meine Oberschenkel. Heute scheuern letztere beim gehen leicht aneinander.

Es was stressig, wie vor jeder Reise. Alles das, was ich wochenlang habe liegen lassen, musste unbedingt jetzt noch erledigt werden. Natürlich sollte ich auch noch meine Pfandflaschen zurückbringen. Dass mit den Pfandflaschen fällt bei mit in den Bereich Zwangsstörung. Weder benötige ich die 2.03 Euro für meine Reisekasse, noch ist zu erwarten, dass die Regierung während meiner voraussichtlichen zwei monatligen Abwesenheit das Einwegpfand abschafft – wobei unwichtig genug wäre es und ein Punkt, bei dem die Weltbilder so schön aufeinandertreffen könnten; geeignet also, um von verfehlter Umwelt- und Wohnungsbaupolitik sowie unterlassener und angemessener Besteuerung von Amazon abzulenken. Pfandflaschen zurückgeben ist bei mir jedenfalls vor jeder Reise immer ganz oben auf der Todo Liste. Alman!

Heute Morgen dann die Befreiung und das Ende allen Stresses: Als ich den Rechner hochfahren wollte, war die Festplatte verschlüsselt. Ich hatte nicht abgeschlossen und auch keinen Schlüssel. Da kannste nicht machen.

Ist es das Alter, dass mich so gelassen reagieren lässt oder zeigen die vielen Therapiestunden Wirkung, die ich auf dem Höhepunkt meiner Midlife-Crisis absolviert habe. Ich glaube es ist die Erkenntnis, dass sich alle Verluste überwinden lassen. Als ich vor zwei Jahren zu Hause ausgezogen bin, habe ich kaum etwas mitgenommen, von dem was mir wichtig war. Leo ist mit leichtem Gepäck in einen neuen Lebensabschnitt aufgebrochen. Das neue Leben wollte mich zunächst zwar auch nicht so recht haben. Nach langer und intensiver Trauer bin ich heute aber sehr glücklich. Meine Erklärung für die Gelassenheit: Der Verlust einiger Daten wegen verspäteter Datensicherung wiegt so wenig im Vergleich zu den überwundenen Verlusten der letzten Jahre.

Die Frau neben mir löst das große Blumenkreuzworträtsel. Ich werde müde, ein untrügliches Zeichen dafür, dass ich entspanne.

🛫

Umstieg Amsterdam, vertrautes Terrain. Weiterflug Biarritz. Mit dem Bus nach Hendaye meinem Statpunkt für den GR 10. Der Grande Randonnée 10 ist ein französischer Fernwanderweg, der die Pyrenäen vom Atlantik zum Mittelmeer durchquert.

Ja, ich bin hier 2023 schon einmal angetreten; damals nur vier Kilo Gepäck und ohne Zelt. Genauso hatte ich es ein paar Jahre zuvor auf meiner Wanderung von Kiel nach Ustron gemacht. Auf dem GR 10 ohne Zelt war aber Mist. 2023 bin ich erst Anfang September aufgebrochen. Da waren die Sommerferien in Frankreich bereits vorbei. Oh diese Ruhe. Aber leider war mangels Touristen auch fast alles geschlossen und verweist, tot.

Die verschlossenen Tür der Herberge Logibar

Hinzu kam, dass ich mich bei der Planung auf die Etappen der Rother oder Outdoor Wanderführer eingelassen hatte. Unterteilung des Weges in möglichst gleich lange Etappen um die 20 km. Absoluter Quatsch! Ich kann nicht aus dem Stand 20 Kilometer durch alpines Gelände laufen. Das geht erst nach ein paar Tagen. Am Ende dieser Wanderung sind locker 30 Kilometer drin, wenn die Waden wieder dicker als die Oberschenkel … Es nützt auch nicht, das das Baskenland in besagten Wanderführern als Hügellandschaft beschrieben wird. Bei 30 Grad sind das für einen normalen Menschen (mich) schier unüberwindliche Berge vor denen man in Hendaye steht. Hügel nur, wenn man von Banyuls sur Mer zurückschaut. Banyuls sur Mer ist der Endpunkt des GR 10.

Das k.o. Kriterium war damals aber das Wetter, genauer gesagt die Gewitter vor denen ich immer wieder weglaufen musste, weil ich nicht der höchste Punkt auf einer Bergwiese sein wollte. Hätte ich ein Zelt dabei gehabt, hätte ich mich bei Zeiten in einer Mulde verstecken können. Weil ich aber keines hatte, war ich auf die Unterkünfte am Ende der vorgegebenen Etappen angewiesen und ich bin weiter gewandert, obwohl ich die Blitze habe kommen sehen.

Schließlich kommt aber noch ein andere Punkt hinzu. Wenn ich den ganzen Tag allein bin muss ich irgendwann einmal kommunizieren. Ich will nicht generalisieren aber dort wo ich war wurde wenig Englisch verstanden und noch weiter gesprochen. Ich war Gast und ein Urteil steht mir nicht zu aber mangels der Möglichkeit sich auszutauschen fühlte ich mich manches Mal einsam.

Warum dennoch wieder auf den GR 10? Die Landschaft, die ich in den 11 Tagen meines ersten Versuchs gesehen habe ist atemberaubend! Die Ausblicke, anders als im grünen Tunnel des Appalachenweges weit und befreiend. Die Naturgewalten und eben die Gewitter vor denen ich weggelaufen bin Demut lehrend und elementar.

Ich bin diesmal anders vorbereitet. Ich habe mich auf dem Appalacheweg ans Zelten gewöhnt. Ich habe es lieben gelernt und ein Zelt dabei. Ich bin nicht allein und gehe gemeinsam mit meiner Freundin. Wenn wir die zwei Monate im Zelt schaffen, können wir getrost heiraten. Bis auf die kurze Wanderung auf dem Malerweg ist sie ein Wanderneuling. Vorsichtshalber haben wir ihr deshalb schon vor einem halben Jahr einen Rückflug aus Pau gebucht. Bis dahin benötigen wir etwa zwei Wochen. Vielleicht bin ich es auch, der nicht durchkommt und sie geht den ganzen Weg.


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